Der Begriff tipping point (deutsch: Umkipp-Punkt) bezeichnet jenen Punkt oder Moment, an dem eine vorher lineare Entwicklung durch bestimmte Rückkopplungen abrupt abbricht, die Richtung wechselt oder stark beschleunigt wird („qualitativer Umschlagspunkt“).
Erstmals angewendet wurde der Begriff im Jahre 1957 von Morton Grodzins bei einer Untersuchung zur Rassentrennung. Weiterentwickelt hat ihn dann der US-amerikanische Ökonom Thomas Schelling. Derzeit wird dieser Begriff häufig im Zusammenhang mit Klimamodellen verwendet.
Wissenschaftler vermuten, dass es tipping points in der Klimaentwicklung gibt (z. B. Änderungen im Wärmetransport durch Wasser- oder Luftströmungen), welche dramatische Klimaveränderungen in sehr kurzer Zeit bewirken.
Im Jahre 2000 erschien das Buch „Tipping Point – Wie kleine Dinge Großes bewirken können“ (Originaltitel: The Tipping Point – How Little Things Can Make A Big Difference) von Malcolm Gladwell und machte den Begriff populär.
Unter dem Namen club tipping point hat sich im Jahr 2007 eine institutionell unabhängige Künstlergruppe gebildet, die durch interdisziplinäre Arbeit neue Standpunkte zur Situation unserer Zeit formulieren und vorstellen will.
Unsere Arbeitbereiche sind Kunst, Diskurs/Sprache und Performance/Theater. Wir vereinen Künstler aus den Bereichen Musik, bildender und darstellender Kunst und Architektur, aber auch Menschen aus Bereichen wie Philosophie, Politik und Medizin.
Ein wesentlicher Aspekt unseres Konzeptes ist die Arbeit in Räumen, die sich durch besondere Permeabilität auszeichnen und damit ermöglichen, das „innere“, intendierte und inszenierte Geschehen in den Stadtraum / öffentlichen Raum zu spiegeln und zu kommunizieren. Die so entstandene Erweiterung schafft eine neue Qualität des Raums. Ebenso sollen im Gegenzug die Phänomene des öffentlichen Raumes – geprägt von dynamischen und paradoxen Situationen – spontan wahrgenommen werden, in die inszenierte Innenwelt eindringen und diese stören und verändern.
In unserer Absicht liegt es, Phänomen des Transformierens, also Handlung zwischen allgemeiner Möglichkeit und ihren Aktualisierungen, zu generieren und dabei zu erforschen. So verstehen wir performative Veranstaltungen auch als Recherche der Ereignisse.
Interview
Über die Gründung von club tipping point, künstlerische Plattformen, blinde Flecken und die Frage, warum Hilfe manchmal notwendig ist.
Seit wann gibt es club tipping point?
Wir haben die Künstlergruppe und den Träger Verein „Tipping Point e.V.“ 2007 gegründet. Seitdem finden regelmäßig Veranstaltungen statt oder künstlerische Interventionen im Netz.
Ich selbst bin ja ursprünglich Theaterschaffender – und Oscar Strasnoy ist Opern-Komponist – deshalb gibt es einen Theater-Schwerpunkt. Andere Mitglieder der Gruppe arbeiten zum Beispiel in der Sozialen Arbeit oder in der Urbanistik und Landschaftsarchitektur.
Ihre Stellungnahmen zu Tipping Points finden ebenfalls ihren Niederschlag. Und dann gibt es natürlich die filmschaffenden Kollegen! Und nicht zu vergessen die, die die digitale Sprache sprechen... „die die - die di gi...“ – Dada (lacht).
Ist club tipping point wichtig?
Nein, natürlich nicht! (lacht) Nicht wirksam in irgendeinem diskursiven Kontext mit bedeutenden Folgen.
Aber es ist wichtig, dass Menschen, die – gerade in ihrer mittleren Schaffensperiode – sich oft einfach nur abarbeiten in ihren Produktionsprozessen, eine Plattform finden bei club tipping point, um sich miteinander auseinanderzusetzen über das, was hier läuft, und ihre Haltung künstlerisch kreativ ausdrücken!
Danke! Noch eine kurze Frage: was sollen der blaue Fleck auf ihrer Brille und die Krücke in Ihrer Hand aussagen?
Dass ich auf mindestens einem Auge blind bin – als alter, heterosexuell normierter, weißer Mann – und dass ich Hilfe brauche in und aus unserer Solidargemeinschaft, um Argumente verstehen und nutzen zu können, damit wir alle eine bessere Welt erkennen können!
Interview
Über Räume, Theater, Boden, Wasser, Pflanzen und die rote Gießkanne als Markierung im Alltagsraum.
Was bringt Dich zu club tipping point?
Eigentlich habe ich mich immer, wenn ich ins Theater gegangen bin, fremdgeschämt. Das Darstellerische war mir zu stark. Deklamation, Behauptung, groß, bis in die letzte Reihe sichtbar!
Während eines Aufenthalt-Stipendiums in der Akademie Schloss Solitude bei Stuttgart fand ich mich dann unter anderem mit Menschen wieder, die Theater machen. Einigen konnten wir uns schließlich darauf, dass die räumliche, öffentliche und diskursive Dimension des Theaters neben dem Darstellerischen sehr wichtig ist für das Zusammenleben der Gesellschaft.
Die Interventionen von club tipping point in Räumen, die nicht spezifische Theaterräume sind, hat mich dann interessiert.
Mit der Möglichkeit, auf diese Art zu arbeiten für ein Ereignis wie eine Aufführung oder eine Ausstellung, ergibt sich für mich eine weitere Art der Erforschung von räumlichen Möglichkeiten neben meiner Arbeit im Büro und einer Hochschule, auch wenn mich die darstellerische Arbeit nicht so interessiert.
Besonders habe ich aber auch festgestellt, dass die Zusammenarbeit vieler verschiedener künstlerischer Bereiche auf ein Ereignis hin zwar manchmal nervend langsam vonstatten geht, dadurch aber eine besondere Erfahrung möglich wird, die Erfahrung von einem plötzlichen Ineinanderschieben ursprünglich ganz verschiedener Projekt- und Zeitschienen zu einem Komplex. Das war und ist sehr besonders für mich!
Seit wann gibt es club tipping point für Dich?
Ich war 2007 eines der Gründungsmitglieder, war aber lange Jahre nicht aktiv beteiligt an der Arbeit, höchstens unterstützend und beratend.
Ein Projekt, das ich seit Jahren verfolge, hat die Künstlergruppe dann zu interessieren begonnen, auch wenn es nichts zu tun hat mit dem Moment einer theatralischen Performance. Es ist ein Projekt über die Performanz von Boden, Wasser und Pflanzen – und die damit einhergehende Rückwirkung auf den Menschen.
Die (Wieder-)entdeckung dieses jahrtausendealten Zusammenhanges stellt für mich einen tipping point dar.... Wir werden eine Buchveröffentlichung herausbringen.
Ist club tipping point wichtig?
Ja!
Danke! Noch eine kurze Frage: was sollen die rote Gießkanne auf Deinem Foto aussagen?
Ich sollte einen Gegenstand mitbringen und da stand die Gießkanne! Sie ist rot, das heißt sie setzt eine Markierung im Alltagsraum. Ihre Bedeutung ist nicht nur eine ungefähre, eine Wasserkanne hat mit Sorge und Pflege zu tun, in Zeiten des Klima-Wandels symbolisiert sie die Aufgabe zum Erhalt der Lebensbereiche. Hängende Blätter austrocknender Pflanzen sind jeweils ein Tipping Point.
Gleichzeitig denke ich immer beim Gießen daran, wo das Wasser herkommt – hier in Berlin denke ich dabei an die Wasserstände der Spree, die überregional vom Braunkohle-Abbau bzw. dessen Ende abhängen, an die Trinkwasser-Versorgung, die sich aus dem Spree- und Havelwasser nährt, und an die Notwendigkeit, durch Bewässerung der Pflanzen beizutragen zur Kühlung des Stadtklimas.
Rosemarie Stein in: Berliner Ärzte 9/2013 S. 34:
(…) Der Regisseur Christoph Gosepath ist auch Arzt, mal beides zugleich, mal abwechselnd. Studiert hat der 1961 Geborene erst Philosophie und Literaturwissenschaft (bis zum Master), dann auch noch Medizin. Der frischgebackene Dr. med. war in den Neunzigern aber weder in Klinik noch Praxis tätig, sondern sieben Jahre lang nur im Theater: als Regieassistent von Robert Wilson an der Berliner Schaubühne, von Peter Stein bei den Salzburger Festspielen, von Leander Haussmann am Schauspielhaus Bochum.
Unter den vielen eigenen Inszenierungen (Lessing, Sartre, Kroetz und Projekte im In- und Ausland) fallen einige thematisch auf: „Sexuelle Neurosen unserer Eltern“ von Lukas Barfuss und „Der Fall Schreber“, nach den „Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken“ dieses Arztes und Erfinders der Schrebergärten. Denn sie fanden nicht zufällig in der (seiner) Theaterarbeit zuliebe langgestreckten Zeit von Gosepaths Weiterbildung zum Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie statt. Die absolvierte er hauptsächlich (2003-9) im Ev. Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge, wo er danach die Psychotherapiestation der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie leitete – nur kurz, denn er braucht Spielraum – Spielzeit – fürs Theater, seine Leidenschaft. So machte er sich selbstständig: als verhaltenstherapeutisch ausgebildeter Psychotherapeut, als Honorararzt, der bei Engpässen nachts und am Wochenende einspringt, als Dozent an der Berliner Akademie für Gesundheit und der Wannsee-Akademie.
Tipping Point e.V.
club tipping point wird gefördert von Tipping Point e.V., von Donatoren – für deren Engagement wir uns hier ausdrücklich bedanken – jeweils projektbezogen von öffentlichen Fonds zur Förderung von Kunst und Kultur und ebenfalls projektbezogen von Theatern und öffentlichen Institutionen.
Um dir ein optimales Erlebnis zu bieten, verwenden wir Technologien wie Cookies, um Geräteinformationen zu speichern und/oder darauf zuzugreifen. Wenn du diesen Technologien zustimmst, können wir Daten wie das Surfverhalten oder eindeutige IDs auf dieser Website verarbeiten. Wenn du deine Zustimmung nicht erteilst oder zurückziehst, können bestimmte Merkmale und Funktionen beeinträchtigt werden.